Herausforderungen und Problemlagen

Mobilitätsverhalten in ländlichen Räumen

Einen guten Überblick über den aktuellen Stand der Mobilität in Deutschland sowie insbesondere die Unterschiede zwischen urbanen und ländlichen Räumen können dem aktuellen Raumordnungsbericht des Bundes (2017) entnommen werden und sind im Folgenden knapp zusammengefasst:

In Deutschland verfügen – wie in den meisten Industriestaaten – vergleichsweise viele Haushalte (76 Prozent) über einen PKW, zudem steht dieser in vielen Regionen des Landes auf Platz eins der Verkehrsmittelwahl. Dies gilt insbesondere in den ländlichen Räumen: Im Mittel liegt die Motorisierungsrate in ländlichen Kreisen bei fast 600 PKW je 1.000 Einwohner, was deutlich über dem bundesdeutschen Durchschnitt von 540 PKW je 1.000 Einwohner liegt. Diese Werte ergeben sich aus der dort oft mangelhaften „Wahlfreiheit der Mobilität“ der Menschen und auch die Erreichbarkeit der Angebote der Daseinsvorsorge zu Fuß oder mit dem Fahrrad ist hier durch die längeren Wege erschwert.

Unterzieht man die Verkehrsmittelnutzung einer differenzierteren Betrachtung nach Aktivitätszweck wird deutlich erkennbar, dass in den ländlichen Kreisen der PKW am häufigsten im Berufsverkehr genutzt wird, die Nutzungsrate liegt bei 70 Prozent. Auch für den Einkauf verwenden in den ländlichen Räumen über 60 Prozent der Bewohner den PKW, was in den oftmals fehlenden Einkaufsmöglichkeiten vor Ort begründet liegt. Lediglich im Ausbildungsverkehr dominiert auf dem Land der sogenannte „Umweltverbund“, also das (kombinierte) Nutzen von Bahn, ÖPNV oder Fahrrad sowie das Zurücklegen von Wegen zu Fuß. Innerhalb des Umweltverbundes liegt die Nutzungsrate des ÖPNV bei etwa 25 Prozent. In den ländlichen Regionen stellen also Schüler die Hauptnutzergruppe des ÖPNV dar oder anders – drastischer – ausgedrückt: Der Schülerverkehr ist das Rückgrat des ÖPNV. Die Schülerbeförderungen stellt somit einen Großteil der Finanzierung sicher, gleichzeitig haben Schüler die am leichtesten zu berechnenden Anforderungen: Die Nutzerzahl entspricht im Wesentlichen den Schülerzahlen, die zeitlichen Bedarfe orientieren sich am Stundenplan. Es werden also Fahrten zur und von der Schule gesichert, außerhalb der Schulzeiten finden sich jedoch oftmals große Lücken im Angebot.

Aktuelle Problemlagen

Die Leistungserbringung im öffentlichen Personennahverkehrs bewegt sich in den dünn besiedelten, peripheren Regionen in einem Spannungsfeld aus den hohen Fixkosten des klassischen Linienverkehrs, einer schwer zu bündelnden Nachfrage der verschiedenen Nutzergruppen und einer oftmals dispersen Siedlungsstruktur. Der demografische Wandel führt zu einer Verstärkung dieser Problemlagen und zu einer reduzierten und veränderten Nachfragesituation im Bereich der herkömmlichen ÖPNV-Angebote, da die Zahl der Schüler abnimmt, während die Zahl der Älteren zunimmt. Aufgrund der starken Abhängigkeit des ÖPNV vom Schülerverkehr, wird dessen Finanzierbarkeit durch die geringer werdenden Einnahmen erschwert, gleichzeitig profitieren andere Nutzergruppen nur bedingt von dem, an die Schulzeiten angepassten ÖPNV-Angebot, da ihre Bedürfnisse in der Regel deutlich heterogener sind.

Bereits heute ist die Erbringung des öffentlichen Personennahverkehrs in vielen ländlichen Regionen unter rein wirtschaftlichen Aspekten nicht tragfähig und Bedarf hoher Zuschüsse der öffentlichen Hand, bei einer oftmals gleichzeitig knappen Finanzlage derselben. Zudem führt der wachsende Anteil älterer nicht zu einer steigenden Nutzerzahl: In Zukunft werden viele Senioren aktiver sein und vermehrt über einen Führerschein und/oder PKW verfügen, was sich negativ auf die Nutzerzahlen dieser Altersgruppe auswirken kann. Gleichzeitig kann auf Grund der demografisch bedingten Verschiebungen in der Altersstruktur jedoch von einem insgesamt wachsenden Anteil älterer Nutzer ausgegangen werden, was mit einer Ausdifferenzierung der Nachfrage einhergeht, da ihre Bedürfnisse in zeitlicher und räumlicher Hinsicht weitaus schwerer zu bündeln sind. Darüber hinaus haben Senioren veränderte Anforderungen an den ÖPNV, weswegen sich dieser in seiner Organisation und Struktur an den Prinzipien Nähe, Verständlichkeit und Barrierefreiheit orientieren muss.

Warum braucht es den ÖPNV trotzdem?

Trotz dieser Problemlagen ist es die Aufgabe der öffentlichen Hand, ein ausreichendes Mobilitätsangebot zu schaffen und damit zur – im Grundgesetz (Art. 72 GG) verankerten – Sicherung der Daseinsvorsorge sowie der Herstellung gleichwertiger Lebensverhältnisse beizutragen.

Die Schaffung eines ausgewogenen und umfangreichen Mobilitätsangebotes in den ländlichen Räumen kann darüber hinaus der Abwanderung entgegenwirken und erhöht die Attraktivität der ländlichen Wohnstandorte. Zudem wird dadurch die Erreichbarkeit von Versorgungseinrichtungen aber auch die Möglichkeit der Teilhabe für Menschen ohne PKW gewährleistet.

Die Handlungsansätze, die den Akteuren des ÖPNV in den ländlichen Räumen zur Verfügung stehen, sind vielfältig, müssen aber auf Grund der gänzlich unterschiedlichen Anforderungen und Rahmenbedingungen von städtische Ansätzen abrücken. Die Lösungen sind zudem nicht standardisiert, sondern an die regionalen Gegebenheiten anzupassen. Vielerorts müssen die richtigen Strategien (zumindest in Teilen) noch entwickelt werden, wobei eine gewisse Orts- und Menschenkenntnis sowie Phantasie und Einfallsreichtum unabdingbar sind. Für die Planer bedeutet dies Kooperationsgeschick sowie die Zusammenführung der unterschiedlichen Ebenen wie Landkreisverwaltung, Gemeinden und Fahrdienstleister.

Als Lösung wird zumeist vor dem Hintergrund der Herausforderungen eine Entwicklung verschiedener bedarfsgestützter Angebotsformen gesehen. Diese sind durch unterschiedliche Flexibilisierungsgrade, Organisations- und Betreiberkonzepte gekennzeichnet und bieten in Kombination mit dem herkömmlichen Linienverkehr eine Möglichkeit, auf die unterschiedlichen Raum- und Nachfragestrukturen zu reagieren. Die Konzepte werden in Kapitel „Mobilitätsangebote im ländlichen Raum“ genauer erläutert. Zudem finden sich im letzten Kapitel spannende Beispiele aus der Praxis.

 

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